
Wien. 30.03.2014. Wir haben im deutschsprachigen Raum
Europas eine ausgeprägte Affinität und lange Tradition, unsere persönlichen
Daten und Identitäten zu schützen. Auch wenn dies teilweise ein Hemmnis
darstellt oder, wie man an der ELGA-Diskussion sieht, von selbsternannten
Datensheriffs als befremdliches Blockadeargument verwendet wird, ist diese Tradition
aus Sicht der EuroCloud Austria eine gute und jedenfalls schützenswerte.
Wenn eine IT-Plattform also nicht in einer Weise
programmiert ist, die es für den Administrator fast unmöglich macht, Daten
missbräuchlich auszulesen, oder wenn keine ausgefeilten Logging-Funktionen
bestehen, die jeden Schnüffler davon abhält, unerlaubte Einsicht zu nehmen,
weil dies jedenfalls bemerkt werden würde, dann ist diese Plattform für
hochsensible Daten vermutlich nicht geeignet. Da z. B. Versicherungen ein
kommerzielles Interesse an Gesundheitsdaten der Versicherten haben, macht es
Sinn, eine funktionale Trennung vorzusehen, bei der die IT getrennt vom
eigentlichen Leistungserbringer betrieben wird. Dies gilt insbesondere dann,
wenn die Daten, die in solchen Portalen gesammelt werden, weit umfangreicher
sind als jene, die etwa der Versicherer von den eigenen Versicherungsnehmern
brauchen würde, um die Leistung liefern zu können. Da Outsourcing ohnehin kein
Fremdbegriff für jedes größere Unternehmen ist, sollte es weder eine
kommerzielle noch eine technische Hürde darstellen, IT-Leistungen von jemand
anderem unabhängig betreiben zu lassen.
Aber Achtung: Wie man an der BIFIE-Problematik unschwer
erkennen konnte, wo Kapsch als Lieferant mit einem Sublieferanten in Rumänien
ein Problem zu haben schien, gilt es, bei all diesen komplexen Lieferketten
(so, wie in der Cloud ebenfalls üblich), immer sicherzustellen, dass die
erwarteten funktionalen Rahmenbedingungen (technisch, organisatorisch,
vertraglich und vor allem als SLA) von sämtlichen Teilnehmern der Lieferkette
eingehalten werden und nicht nur vom vertrauten Lieferanten, der die Leistung
dann unter Umständen letztlich gar nicht erbringt. Im Cloud-Bereich ist die
EuroCloud Star Audit Zertifizierung einer der Wege, einen solchen komplexen
Nachweis zu erbringen. Für jeden Anbieter von Online-Gesundheitsplattformen
gilt daher die Verantwortung, vor Vertragsabschluss mit einem IT-Lieferanten
diese Aspekte der Leistungserbringung bereits vorab (und nicht während oder
nach Vertragsbeginn) zu klären.
ELGA selbst ist kein Cloud - Service
und speichert selbst keine Daten von Patienten. Kaum war der BIFIE-„Skandal“ bekannt und noch bevor man überhaupt
irgendwelche Details wusste, schossen bereits die
selbsternannten Datenschutzprofis aus ihrer Ecke und fingen an Richtiges und Falsches zu vermischen, zu polarisieren und mit dem
Stand von IT - Wissen aus den 90er - Jahren zu argumentieren.
Nur um Missverständnisse zu
vermeiden: Es ist gut, wenn wir uns in Zentraleuropa hinsichtlich des Datenschutzes
anders aufstellen, als es uns manch anglo-amerikanischer Anbieter aufdrängen
wollte. Hinsichtlich der internationalen Standards (ISO) oder Verhandlungen zu
transatlantischen Handelsabkommen (TTIP) ist höchste Aufmerksamkeit geboten,
sich nicht auf zu niedrige und für unser Verständnis unangemessene
Rahmenbedingungen zu einigen. Auch ist es jedenfalls hilfreich, wenn generell ein Verständnis für den Wert von Daten
auch in Facebookzeiten erhalten bleibt.
Aber wirklich körperliche
Übelkeit sollte aufkommen, wenn wir vom Datensheriff erklärt bekommen, dass
erst dann, wenn 100 Prozent Sicherheit gewährleistet werden kann, ein IT-Service verwendet werden kann. Ich spreche hier die
„rote Karte“ aus. Man kann das Grillen im Sommer nicht verbieten, weil sich manchmal Menschen verbrennen. Oder, um ein noch plakativeres Beispiel zu verwenden Trotz 500 Toten pro Jahr im Straßenverkehr wird das
Auto in Österreich vermutlich auch weiterhin nicht verboten. Stattdessen gibt es da ja eine Reihe
von Maßnahmen: Verkehrserziehung bei Kindern, Führerscheinausbildung,
Prüfungen, Verkehrskontrollen, viele gesetzliche Vorgaben, womit man wie
und wo fahren darf.
Gleiches gilt für IT und für Cloud-Computing.
Wir leben in einer
industriellen Revolution, die vielleicht einmal „digitale Transformation“
heißen wird. Sie hat in den 70er-Jahren
mit dem Mikrochip begonnen (Dampfmaschine), der den Mikrocomputer ermöglichte
(Webstuhl), das Internet verteilt (dezentrale
Stromerzeugung) und die Erzeugung findet in der Cloud (Kraftwerke) statt. Die
Begriffe in den Klammern sollen die Analogie zur letzten industriellen
Revolution herstellen. Diese Revolution verändert alles: die Menschen, die Berufe, die Gesellschaft, den
Wohnort. Das gilt für alle, auf allen Kontinenten und in allen Berufs- und
Gesellschaftsschichten. Es ist einfach
nur dumm, mit einem Beispiel aus Uganda
eine Analogie zu Österreich herzustellen (Argument der Publizierung der Namen von Homosexuellen in einer Tageszeitung), wie es einer der österreichischen Datensheriffs
kürzlich getan hat.
Einer Sache muss man sich jedenfalls bewusst sein: Nicht Auto
zu fahren
hat eine massive Auswirkung auf eine Gesellschaft und ein Land. Sich nicht mit
moderner IT und deren Werkzeugen (Cloud,
Big Data, Mobility, Social Media) zu
beschäftigen, hat noch größere
Auswirkungen – und zwar negative. Diese IT stellt einen der wichtigsten
Wirtschaftszweige Österreichs dar. Es ist wichtig, dass Know-how und Ausbildung
in Österreich bleibt und Wertschöpfung in Österreich generiert wird. Alles andere
führt zur Abwanderung von Brainpower, jungen Menschen und finanziellen Mitteln.
Wer glaubt, dass 100-prozentige Sicherheit erzielt werden kann, der irrt. Und er
verhindert damit einen produktiven und professionellen Umgang mit den
Herausforderungen dieser Zeit.
Um den Bogen zu ELGA zu schließen:
Mit Sicherheit ist es ein struktureller und vermutlich politischer Fehler, ein
neues Werkzeug (ELGA) zu etablieren und die Last der Bedienung und der
Verantwortung einer Berufsgruppe – den niedergelassenen Ärzten – aufzudrängen, ohne die bestehende Überlastung zu berücksichtigen
und für die Mehrleistung auch finanzielle Entschädigung anzubieten. Das konnte
nur Widerstand produzieren.
Aber kein vernünftiger Mensch kann mit ruhigem Gewissen behaupten, dass die aktuelle Situation der
Verwaltung von Gesundheitsdaten auch nur annähernd vernünftig ist. Es ist viel
zu teuer, viel zu unpraktisch und viel zu unsicher, wenn Röntgenbilder,
Befunde, Medikamentenverschreibungen auf einzelnen ausgedruckten Papieren oder
Fotos irgendwo in Schubladen vermodern.
Niemand hat einen guten Überblick über alle seine Arztbesuche, Blutbefunde,
Medikamentenbezüge. Das ist teuer, sehr
unkomfortabel und letztlich auch ein hohes Risiko für den Patienten. Wer da
nicht versteht, dass man das im Jahr 2014 endlich mit einem
hochprofessionellen IT-System besser
machen kann, dem ist nicht zu helfen.
Ein hoher Anspruch an das System ist gut,
Kontrolle ist sehr gut, aber Blockade mit Killerargumenten aus dem letzten Jahrtausend
ist völlig falsch. Es ist an der Zeit, dass sich eine moderne österreichische
Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik von anspruchsvolleren und zeitgemäßen
Fachleuten beraten lässt.
Tobias Höllwarth ist Vorstand der europäischen
Non-Profit Organisation EuroCloud und Mitglied einer Reihe von IT-Gremien in
der Europäischen Kommission und der internationalen Normungsorganisation ISO.
Höllwarth ist Autor des Werkes Cloud Migration, welches mittlerweile in 6
Sprachen übersetzt wurde.
EuroCloud ist ein Non-profit Verband
der europäischen Cloud Computing-Industrie. EuroCloud Austria setzt sich für
Akzeptanz und bedarfsgerechte Bereitstellung von Cloud Services am
österreichischen Markt ein. Ziel ist es den Anschluss Österreichs an weltweite
IT Entwicklungen nicht zu verlieren und damit Arbeitsplätze und Wertschöpfung
in Österreich zu erhalten. Dabei steht EuroCloud Österreich in ständigem Dialog
mit den europäischen Partnern des EuroCloud-Netzwerks, um globale Lösungen zu
finden und den Boden für Ihre internationalen Geschäftsbeziehungen zu bereiten.
Höllwarth EuroCloud Cloud Buch